
Mastercard kündigte an, die Londoner Stablecoin-Infrastruktur-Firma BVNK für bis zu 1,8 Milliarden US-Dollar zu übernehmen, davon 1,5 Milliarden US-Dollar als festen Kaufpreis und 300 Millionen US-Dollar als Performance-bedingte Earn-out-Klausel. Damit übertrifft die Transaktion die 1,1 Milliarden US-Dollar, die Stripe 2024 für den Kauf von Bridge gezahlt hat, und wird somit die größte Akquisition im Bereich Stablecoins aller Zeiten.
BVNK unterstützt Unternehmen beim Aufbau einer Brücke zwischen Fiat-Währungen und on-Chain-Stablecoins. Das Geschäft umfasst grenzüberschreitende Überweisungen, B2B-Abrechnungen und Remittances. Zu den Kunden zählen Worldpay, Deel und Flywire. Der Jahresumsatz liegt bei etwa 40 Millionen US-Dollar, profitabel ist das Unternehmen jedoch noch nicht. Mastercard rechnet für 2025 mit einer bereinigten Nettomarge von rund 45 %, was einem Jahresgewinn von etwa 15 Milliarden US-Dollar entspricht. Die 1,8 Milliarden US-Dollar entsprechen nur 0,4 % seiner Marktkapitalisierung.
Mastercard kauft nicht die 40 Millionen Jahresumsatz, nicht die 300 Milliarden Transaktionsvolumen und auch nicht die technische Infrastruktur von BVNK – sondern sichert sich im Falle des Durchbruchs von Stablecoins als Mainstream-Abrechnungsschicht eine Position, um nicht ausgeschlossen zu werden.
Laut Schätzungen des Analysten Raymond James stammen etwa 37 % der Einnahmen von Mastercard aus grenzüberschreitenden Transaktionen und internationalem E-Commerce – genau die Einkommensquellen, die Stablecoins am präzisesten ins Visier nehmen.
Enorme Gebührenunterschiede: Traditionelle SWIFT-Gebühren für grenzüberschreitende Zahlungen liegen bei 3–6 %, die Abwicklung dauert 3–5 Tage; Stablecoins bieten Gebühren unter 1 %, Transaktionen in Minuten, 24/7, mit Kostenunterschieden im Mehrfachen.
Karten-Netzwerke werden rückwärts genutzt: Laut McKinsey-Studien werden 2025 Stablecoin-Karten im Volumen von 4,5 Milliarden US-Dollar ausgegeben, mit einem jährlichen Wachstum von 673 %. Nutzer können direkt bei Händlern, die Mastercard akzeptieren, Stablecoins verwenden, um Zahlungen zu tätigen, und so die Abwicklung über das Kartennetz umgehen.
Händlerakzeptanz als Endgegner: Große Plattformen wie Amazon und Walmart haben ein starkes Interesse daran, kostengünstige Stablecoin-Transaktionswege anstelle von Karten zu nutzen. Sobald die wichtigsten Händler Stablecoins direkt akzeptieren, wird das bisherige Gebührenmodell der Kartengesellschaften fundamental erschüttert.
US-Finanzminister Scott Bessent prognostiziert, dass das Angebot an Stablecoins bis 2030 auf 3 Billionen US-Dollar anwachsen wird, Citi geht sogar von 4 Billionen aus. Das heutige Volumen ist nur ein Bruchteil, doch die Wachstumsrate ist exponentiell.
Nach der Akquisition wird BVNK in drei Ebenen in das Mastercard-Netzwerk eingebunden: Für die Abwicklung von Stablecoin-Transaktionen zwischen Händlern und Acquirern; für die Integration von Stablecoin-Zahlungsoptionen im Mastercard-Zahlungsgateway; sowie für die Bereitstellung von Währungsumtauschkanälen zwischen Karten, Konten und Wallets.
Raj Dhamodharan, Executive Vice President bei Mastercard für Blockchain und Digital Assets, erklärt: „Wir sehen Stablecoins als eine Art Schienenverkehr, jede Stablecoin kann als eine globale ACH-Transaktion betrachtet werden.“ Karen Webster, Chefredakteurin von PYMNTS, fasst es noch direkter zusammen: „Mastercard kämpft nicht gegen Stablecoins, sondern integriert sie.“
Diese Integration bedeutet, dass das Front-End weiterhin die Marke Mastercard und das Akzeptanznetzwerk bleibt, während das Abwicklungssystem auf Chain-Transaktionen umgestellt wird. Für den Nutzer ändert sich kaum etwas, nur die bisher hohen SWIFT-Gebühren verschwinden aus dem Abwicklungsprozess.
Doch die Herausforderungen sind real: BVNK nutzt eine chain-unabhängige Architektur, die mehrere Blockchains wie Ethereum, Solana und Tron abdeckt; die Bestätigungszeiten und Sicherheitsmodelle variieren stark. Zudem ist die regulatorische Umgebung in 130 Ländern äußerst unterschiedlich: In den USA gibt es den „GENIUS Act“, in Europa die MiCA-Verordnung, in Asien regeln die einzelnen Staaten eigenständig. Die langfristigen Compliance-Kosten könnten zu einem schwarzen Loch werden.
Warum ist Mastercard bereit, 1,8 Milliarden US-Dollar für ein noch nicht profitables Unternehmen zu zahlen?
Mastercards Kernstrategie ist strategischer Schutz, nicht kurzfristige Rendite. Die niedrigen grenzüberschreitenden Gebühren von Stablecoins (unter 1 %) stellen eine direkte Bedrohung für etwa 37 % der Mastercard-Einnahmen aus grenzüberschreitenden Transaktionen dar. Die Akquisition sichert sich eine Position im Ökosystem, falls Stablecoins die Mainstream-Abrechnungsschicht werden.
Warum hat Coinbase nach der Bekanntgabe von 2 Milliarden US-Dollar den Bieterkampf verlassen?
Die genauen Gründe sind unklar. Es ist wahrscheinlich, dass Mastercard die Infrastruktur für Stablecoins letztlich eher durch traditionelle Finanzinstitute als durch Krypto-Startups integriert. Das spiegelt die regulatorische Realität wider: Lizenzierte Finanzinstitute haben hier klare Vorteile.
Was bedeutet die Akquisition für den durchschnittlichen Mastercard-Nutzer?
Kurzfristig ändert sich für den Nutzer kaum etwas. Langfristig könnten grenzüberschreitende Abrechnungen von 3–5 Tagen auf Minuten reduziert werden, die Kosten könnten deutlich sinken. Das Nutzererlebnis „Front-End ist die Karte“ bleibt bestehen, während die Abwicklung im Hintergrund effizienter wird.