Pokémon Go-Spieler scannen seit Jahren Sehenswürdigkeiten, um das Spielerlebnis zu verbessern. Diese Daten werden heute genutzt, um autonome Lieferroboter durch die Straßen von Los Angeles zu steuern; wenn gamifizierte Anreize das datensammeln ohne Bezahlung süchtig machen, wie viel Wert hat das Wort „freiwillig“ wirklich?
(Vorheriger Kontext: Pokémon GO-Entwickler erhalten 300 Mio. USD Finanzierung! Für Metaverse-Entwicklung, Bewertung bei 9 Milliarden USD)
(Hintergrund: Alles auf Licht! Meta nutzt Nutzer-Posts auf FB und IG, um KI zu trainieren. Wie kann man sich gegen Facebook-Datensammlung wehren?)
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Während Millionen Pokémon Go-Spieler in der realen Welt digitale Pokémon fangen, tragen sie unwissentlich zu einem der größten visuellen AI-Datensätze der Welt bei. Laut MIT Technology Review werden diese Daten heute von Niantic Spatial genutzt, um autonome Lieferroboter präzise durch die Stadt zu steuern.
Seit dem Start von Pokémon Go im Jahr 2016 gibt es eine unscheinbare Funktion: Spieler können öffentlich zugängliche Wahrzeichen (Statuen, Gebäude, Denkmäler) anonym scannen, um „bei der Verbesserung der Spielkarten zu helfen“. Über die Jahre hat dieses System eine visuelle Ortungssoftware (VPS, Visual Positioning System) mit über 30 Milliarden Bildern trainiert.
Im Februar dieses Jahres kündigte Niantics Tochtergesellschaft Niantic Spatial eine Partnerschaft mit Coco Robotics an, mit Sitz in Santa Monica, Los Angeles. Coco betreibt derzeit etwa 1.000 autonome Lieferroboter in Los Angeles, Chicago, Miami und Helsinki. Die Roboter sind etwa so groß wie ein Koffer und können bis zu 8 große Pizzas oder 4 Einkaufstüten gleichzeitig transportieren.
VPS löst ein zentrales Problem für städtische Roboter: GPS-Signale werden in dichten Gebäuden durch Reflexionen abgeschwächt oder fallen in engen Gassen ganz aus. VPS vergleicht in Echtzeit Kamerabilder mit vorab erstellten visuellen Karten, um die Position auf Zentimeter-Ebene genau zu bestimmen — so kann der Roboter präzise vor Restauranttüren anhalten, statt gegen Parkpfosten zu stoßen.
Im Mai 2025 wurde Niantic Spatial offiziell vom Mutterkonzern Niantic Inc. ausgegründet und ist seither ein eigenständiges Unternehmen, das sich auf Raum-KI spezialisiert hat. Dieser Schritt war vorhersehbar: Bereits 2021 hatte Niantic eine Finanzierungsrunde über 300 Mio. USD abgeschlossen, mit einer Bewertung von 9 Milliarden USD, mit dem Ziel, das „echte Weltmetaverse“ zu schaffen.
Für Niantic ist Pokémon Go mehr als nur ein Spiel: Es ist ein weltweites Sensornetzwerk auf der Erdoberfläche. Ein Sprecher von Niantic Spatial sagte gegenüber Decrypt:
„Unser ursprüngliches VPS basiert auf Daten, die Spieler freiwillig beim Spielen gescannt haben — aber kein einzelner Datenquelle definiert dieses Modell. Unser Ansatz verbindet Skalierung mit Details auf Bodenhöhe, und zunehmend sind es nutzergenerierte Daten, die in kritischen Umgebungen die Genauigkeit vorantreiben.“
Kritik ist laut geworden. Auf X (ehemals Twitter) warf ein Nutzer direkt ein:
„1,43 Milliarden Menschen denken, sie fangen Pokémon, tatsächlich aber bauen sie einen der größten visuellen Datensätze der realen Welt für KI.“
Eine noch tiefere Kritik kam von einem anderen Nutzer:
„Der Trumpf ist nicht die Karte, sondern das Anreizdesign. Pokémon Go macht aus Millionen Spielern unbezahlte Edge-Case-Jäger, sodass die Daten wie ein Spiel wirken.“
Das ist das Paradoxon der Gamification: Wenn etwas als Spiel verpackt ist, messen Menschen es nicht mehr nach Arbeitsstandards. Spieler scannen Sehenswürdigkeiten nicht für Niantics Geschäft, sondern um das Spielerlebnis zu verbessern. Doch nach zehn Jahren profitieren vor allem autonome Lieferroboter in der Stadt von diesen Daten.
Niantics offizielle Antwort bleibt: „Spieler können freiwillig anonym öffentliche Orte scannen, um VPS zu verbessern. Diese Scans sind immer freiwillig, und die Daten werden nicht mit Nutzerkonten verknüpft.“
Doch „freiwillig“ setzt voraus, dass die Nutzer vollständig über die Datenverwendung informiert sind. Wie viele der Spieler, die damals gescannt haben, haben vorhergesehen, dass ihre Beiträge eines Tages für die Roboternavigation genutzt werden?
Der Pokémon-Go-Fall ist ein Lehrbeispiel dafür, wie Spielmechanismen Nutzerverhalten systematisch in kommerzielle Daten umwandeln. Das ist kein Niantic-Alleinstellungsmerkmal — viele Spiele sammeln heimlich Verhaltensdaten bei jedem Klick, jeder Route, jeder Entscheidung.
Der Unterschied: Pokémon Go sammelt Daten nicht nur aus der virtuellen Welt, sondern aus der physischen Welt. Die Spieler tragen nicht nur zum Spiel bei, sondern auch zur Wahrnehmung und Vermessung der realen Welt. Damit übertrifft die Datenmenge bei Pokémon Go jede reine digitale Spielesammlung.
300 Milliarden Bilder – diese Zahl ist das Ergebnis der Schritte von 1,43 Milliarden Spielern.